Layout und Bildauswahl: Carolin Eberhardt
Aus dem reichhaltigen Bücherschrank meines Vaters ist mir unter anderen ein Buch in lebhafter Erinnerung geblieben. Es ist Peter Roseggers Geschichtensammlung „Als ich noch der Waldbauernbub war. Jugendgeschichten aus der Waldheimat“. Daraus fesselte mich als Kind die Geschichte „Als ich die Christtagsfreude holen ging“. Sie erzählt, wie der zwölfjährige Bub Peter am Heiligabend in aller Frühe den weiten Weg von Alpl nach Langenwang gehen muss, um vom Holzhändler zwei Gulden und sechsunddreißig Kreuzer, die dieser dem Vater schuldet, einzutreiben. Mit dem Geld soll er dann für den Haushalt beim Kaufmann allerhand einkaufen, was die Mutter für das Weihnachtsessen braucht. Die Liste ist lang, und ich habe mich, neunjährig, gewundert, wie Peter sich das alles merken konnte: Zwei Maßel Semmelmehl, zwei Pfund Rindsschmalz, für zwei Groschen Salz, für einen Groschen Hefe, für fünf Kreuzer Weinbeerln, für fünf Groschen Zucker, für zwei Groschen Safran, für zwei Groschen Neugewürz. Dazu einige Semmeln, wovon Peter eine Semmel selbst unterwegs essen darf, weil der Weg lang ist und er nicht vor dem Abend nach Hause kommt.
Ein Gulden enthielt in Österreich um 1870 zehn Groschen oder 100 Kreuzer, ein Groschen enthielt also zehn Kreuzer. Ein einfacher Industriearbeiter verdiente oft 1 Gulden pro Tag, ein landwirtschaftlicher Tagelöhner 20–40 Kreuzer. 1 kg Brot kostete 5–8 Kreuzer, eine einfache Mahlzeit 10–15 Kreuzer. So konnte sich zum Beispiel ein Waldarbeiter gerade selbst versorgen und kaum etwas ersparen. Peter Roseggers Vater war Waldbauer, der seine Familie mit harter Arbeit im Wald und auf wenig Acker ernähren musste. Er fällte und verkaufte sein Holz und nutzte seine kleine Landwirtschaft im Wesentlichen als Selbstversorger.
Wenn ich als Kind einkaufen gehen musste, beim Kaufmann Kunze, über dessen Schaufenster noch die Bezeichnung „Kolonialwaren“ stand, war ich froh, wenn ich mir zwei oder drei Posten merken konnte, die ich dann ununterbrochen vor mir hersagte, zum Beispiel 6 Brötchen, 200 Gramm Butter, (die der Kaufmann von einem großen Block abschnitt und für die er entsprechende Abschnitte von den Lebensmittelmarken abschnitt) und ein halbes Pfund Zucker. Wenn mehrere Leute vor dem Ladentisch standen und der Kaufmann mich nicht sah, konnte es geschehen, dass jemand sagte, man solle doch den Kleinen mal vorlassen. Dann fing ich aus Selbstmitleid regelmäßig an zu weinen.
Den Peter aus Roseggers Geschichte, der sogar wagte, dem Holzhändler zwei Gulden für einen gelieferten Baum abzufordern, bewunderte ich deshalb sehr und nahm mir immer wieder vor – vergeblich – von seinem Mut zu lernen.
Am schönsten fand ich das Ende der Geschichte. Peter kommt bei Dunkelheit müde und verfroren nach Hause und schläft beim Abendbrot ein. Anstatt nun, wie es geplant war, mit den Eltern und Geschwistern zur nächtlichen Christmette nach St. Kathrein zu wandern, wird er zu Bett gebracht. „Als ich wieder zu mir kam, lag ich wohlausgeschlafen in meinem warmen Bett, und zum kleinen Fenster herein schien die Morgensonne des Christtages.“
Alle Geschichten aus dieser Sammlung atmen trotz mancher Gefahren und Ängste eine warme Innerlichkeit, in die sich mancher Leser noch heute mit einer gewissen Sehnsucht nach einer heileren Welt verlieren kann und die gedankenlose Kritiker als trivial bezeichneten und noch bezeichnen.
Peter Rosegger wurde am 31. Juli 1843 auf dem Kluppeneggerhof in Alpl in der Steiermark geboren. Seine von Armut und harter Arbeit bestimmte Kindheit wurde zu einem beherrschenden Thema seines Schaffens. Da er als Kind körperlich schwach war, konnte er nur unregelmäßig die Dorfschule besuchen. Stattdessen arbeitete er als Hirtenjunge und später als Schneiderlehrling. Trotz dieser schwierigen Umstände begann er früh, Gedichte zu schreiben und Geschichten zu erzählen, die das Leben in den Alpen widerspiegelten. Ein entscheidender Wendepunkt in seinem Leben war der von Förderern ermöglichte Besuch der Grazer Akademie für Handel und Industrie und später der Universität Graz. Dadurch erhielt Rosegger erstmals Zugang zu Bildung und zur literarischen Welt.
Seinen literarischen Durchbruch erzielte er mit dem Werk „Waldheimat“. In diesen Erzählungen schildert er seine Kindheit und Jugend im steirischen Bergland. Sie kennzeichnet eine Mischung von Romantik und Realismus, die Roseggers Texte authentisch und glaubwürdig machen.
In seinem Roman „Jakob der Letzte“ beschreibt er, wie die moderne Welt historisch Gewachsenes zerstört und der Fortschritt auch Verlierer hervorbringt.
Im Jahre 1883 wurde sein Roman „Der Gottsucher“ als Buch veröffentlicht, nachdem er zuvor im Grazer „Heimgarten“ in Fortsetzungen erschienen war. Angeregt durch den Pfarrermord um 1493 im obersteirischen Dorf Tragöß, nimmt der Autor den Leser mit auf eine Reise in eine Welt der Auseinandersetzung mit Fragen des Glaubens, der Moral und der menschlichen Verantwortung.
Natur, Aberglaube, kirchliche Autorität und eigenes sittliches Empfinden bilden den Hintergrund, vor dem sich die Romangestalten zwischen Tradition und unterschiedlichen Gottesbildern bewegen. Der Roman ist eine existenzielle Sinnsuche zwischen Glauben und Zweifel, Gemeinschaft und Individualität.
Dem Vorwurf, antisemitischen Strömungen mit Verständnis begegnet zu sein, trat Peter Rosegger entgegen. Er befürchtete, „daß der Antisemitismus sich zu einem großen Schreckens- und Vergewaltigungssystem auswachsen wird, das von langer Dauer sein und viele unserer idealen Güter zerstören wird.“
Von deutsch-nationaler Seite wurde er wegen seiner humanistischen und antirassistischen Haltung sogar als Judenknecht beschimpft.
Peter Rosegger setzte sich für soziale Reformen, bessere Lebensbedingungen für Bauern und Arbeiter sowie deren ordentliche Schulbildung ein.
Seine Werke wurden in in viele andere Sprachen übersetzt. Sie machten ihn zu einem der wichtigsten österreichischen Schriftsteller seiner Zeit.
Wie viele seiner Zeitgenossen und Schriftstellerkollegen unterstützte Peter Rosegger sein Land im 1. Weltkrieg durch Kriegslyrik und einen Aufruf zur Zeichnung von Kriegsanleihen.
Er starb am 26. Juni 1918 in Krieglach in der Steiermark. Auf der Gedenktafel bei seinem Grab in Krieglach ist sein Wunsch zu lesen: „Ich will nur ein einfaches Grab wie jeder Alpler Bauer. Ein Holzkreuz mit dem Namen darauf. Wenn man nach 50 Jahren noch weiß, wer das ist, dann genügt dies; wenn nicht, gönnt ihm seinen Frieden.“
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Bildquellen:
Vorschaubild: Die Gartenlaube (1888) b 357, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.
Roseggers Geburtshaus mit Faksimile (1895), Urheber: Peter Rosegger via Wikimedia Commons Gemeinfrei.
Rosegger-geburtshaus, 2008, Urheber: Roman Klementschitz via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.
Marie Kartsch – Porträt des jungen Peter Rosegger, 1875 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.
Rosegger3, 1900, Urheber: Franz Josef Böhm via Wikimedia Commons Gemeinfrei.
Wiki kri 004: Wohn- und Sterbehaus in Krieglach, 2011, Urheber: Michael zangl via Wikimedia Commons CC BY 3.0.